Kann die Authentizität der Überlieferungen von dem Propheten angezweifelt werden?

Mahmoud Zakzouk.

Viele westliche Orientalisten bezweifeln die Authentizität der Propheten-Überlieferungen (Sunna). Goldziher betrachtet sie als eine Erfindung der Muslime in der frühislamischen Zeit.[1] Wir argumentieren:

1. Die Sunna ist die zweite Hauptquelle des Glaubens des Islam nach dem Koran. Der Prophet ist beauftragt worden, die göttliche Offenbarung zu verkünden. Gleichzeitig sollte er sie erklären. Die Sunna, also die Propheten-Überlieferungen, beinhaltet seine Interpretation des Korans, sein Verhalten, seine Taten und seine Ratschläge. Der Prophet selber hat darauf hingewiesen, der Sunna zu folgen, wie aus seiner berühmten Abschiedsrede hervorgeht: “Ich habe euch zwei Dinge hinterlassen, und wenn ihr euch nach ihnen richtet, werdet ihr nie irregeführt werden. Dies sind der Koran und meine Sunna”.

2. Wir geben zu, dass eine Anzahl von diesen Überlieferungen irrtümlich dem Propheten zugeschrieben worden sind. Es ist eine Tatsache, die niemals geleugnet wurde und die den Gelehrten immer gegenwärtig war. Deswegen haben sie stets jede Überlieferung des Propheten (Hadith) auf ihre Echtheit hin überprüft. Der Koran hat als ein wichtiges Kriterium für jede Kritik folgendes festgelegt:

 “Ihr Gläubigen! Wenn ein Frevler mit einem Gerücht (mit einer Kunde) zu euch kommt, dann passt genau auf (ob die Sache auch stimmt), (....)'’ (49:6).

Die Persönlichkeit, der Charakter und das moralische Verhalten einer jeden Person, welche einen Hadith des Propheten überlieferte, wurde bei der Beurteilung der Authentizität des Hadith berücksichtigt. Diese Methode der Kritik wurde ebenfalls wichtig für die Entwicklung der historischen Forschung.

3. Wegen der Bedeutung der Prophetenüberlieferung für den Islam haben die Gelehrten ihr Äußerstes getan, die Sunna rein zu halten und die echten Überlieferungen Stück für Stück von den unechten zu unterscheiden. Dadurch entstanden neue Wissenschaften, die sich mit der Sunna beschäftigten: die Wissenschaft der Zuschreibung der Hadithe, der Argumentation bezüglich der Authentizität und der Anpassung, die sich alle mit den Erzählern der Hadithe beschäftigten, mit ihrem Charakter usw. Der Prophet selber hat vor der Verfälschung seiner Überlieferung gewarnt. Er sagte: “Wer mir absichtlich falsche Überlieferungen zuschreibt, wird seinen Ort in der Hölle finden.”

4. Einer der vielen Gelehrten, die sich um die Authentizität der Hadithe ihr ganzes Leben lang bemühten, war Imam El-Bukhari (810-870). Er hat über eine halbe Million Überlieferungstexte gesammelt, die dem Propheten zugeschrieben worden waren. Nach gründlichen und methodischen Untersuchungen übernahm er aber nur neuntausend Überlieferungen für seine Hadith-Sammlung (Sahih El-Bukhari).[2]

Dies war das Ergebnis einer präzisen wissenschaftlichen Forschung, welche strengen Bedingungen unterlag. Wenn wir die Überlieferungstexte, die fast denselben Inhalt wiedergeben, weglassen, dann bleiben im Sahih El-Bukhari ungefähr 3.000 Text übrig. Viele andere Hadith-Gelehrte folgten seinen Methoden.

5. Als Ergebnis dieser Hadith-Wissenschaft wurden schließlich von den Muslimen sechs Werke auf diesem Gebiet als Autoritäten anerkannt: Sahih Al-Bukhari, Sahih Muslim, Sunan Al Nasa’i, Abu Dawud, Tirmidhi und Ibn Maga. Es gibt ferner viele islamische Veröffentlichungen, die auf die abgelehnten Überlieferungstexte Bezug nehmen. Es ist ganz evident, dass die muslimischen Gelehrten sehr sorgfältig und mit großer Hingabe die authentischen Sammlungen der Hadithe herstellten, so dass es unbegründet erscheint, wenn diese bezweifelt werden.[3]



[1] Dar ul-Ma' arif: Orientalismus und der gedankliche Hintergrund des Kulturkonfliktes, 1997, S. 106 ff.

[2] Das bedeutet nicht, dass alle restlichen unzuverlässig waren. Er hat „nur“ ein Teil der authentischen Überlieferungen gesammelt. (IAD)

[3] Vgl. Iqbal, Mohammad: Erneuerung des religiösen Denkens im Islam, S.160 ff.

Gibt es Widersprüche in den Propheten-Überlieferungen?

Mahmoud Zakzouk.

Die Authentizität der Sunna wird vor allem mit der Behauptung angegriffen, dass sie Widersprüche enthalte. Daher will ich auf diese Frage näher eingehen.

1. Der Koran fordert die Muslime auf, sich der Führung des Propheten zu unterworfen. Dazu heißt es im Koran:

“Was der Gesandte euch nun (aus diesem seinem Verfügungsfonds) gibt, das nehmt an! Aber verzichtet auf das, was er euch verwehrt!” (59:7)

“Wenn einer dem Gesandten gehorcht, gehorcht er (damit) Gott” (4:80)

Die Propheten-Überlieferungen umfassen, was der Prophet uns erlaubt oder verboten hat. Aus diesem Grunde sind sie ein wichtiger Teil des Glaubens des Islam, und wenn wir sie vernachlässigen, handeln wir gegen das Gebot des Korans.

2. Die Unterscheidung zwischen den echten und unechten Überlieferungen stellt kein Problem dar, nachdem die islamischen Gelehrten vor vielen Jahrhunderten diese Angelegenheit geregelt hatten.

Man kann nicht auf die Propheten–Überlieferungen verzichten, da sie die zweite Hauptquelle des Islam bilden. Wir müssen den Lehren der Hadithe folgen und uns darüber klar sein, dass wir dank der islamischen Forschung die echten Hadithe von den widersprüchlichen Hadithen unterscheiden können.

3. Die Überlieferungen des Propheten verdeutlichen, was im Koran verkündet wurde. Wieso kann man die Interpretation der Verse des Korans durch den Propheten selber aufgrund von eingebildeten Ideen aufgeben? Wir Muslime vollziehen z.B. unsere täglichen Gebete nach dem, was uns die Überlieferungen vorgeschrieben haben. Die Einzelheiten, wie man zu beten hat, sind nicht im Koran erwähnt. Vieles andere wird uns durch die Überlieferungen vorgeschrieben.


4. Die heiligen Bücher der Offenbarungsreligionen vor dem Islam sind in derselben Art und Weise wie die Propheten-Überlieferung geschrieben worden. Keiner der Anhänger dieser früheren Religionen (Judentum und Christentum) hat verlangt, diese Religion aufzugeben, da einige Widersprüche existieren oder einige Erzählungen nicht verifiziert werden können. Die Logik verlangt in solchen Fällen, die Echtheit dieser Überlieferungen zu beweisen. Das haben die islamischen Gelehrten seit mehreren Jahrhunderten vollbracht.