Die Beschaffenheit des freien Willens des Menschen
Der freie Wille des Menschen besitzt keine äußere materielle Form wie z.B. die einzelnen Körperteile. Die Tatsache, dass etwas keine sichtbare materielle Form besitzt, bedeutet jedoch nicht, dass es nicht existiert. Jeder Mensch hat zwei Augen. Daneben steht uns aber ein drittes Auge zur Verfügung, mit dem wir ebenfalls sehen können. Mit den ersten beiden Augen können wir die Dinge in der äußeren materiellen Welt betrachten. Unser drittes Auge hingegen gestattet uns einen Blick hinter die Ereignisse und die physische Welt. Es ist der freie Wille, den wir auch Einsicht nennen können. Dieser freie Wille ist quasi eine spezielle Neigung oder eine innere Kraft, mit deren Hilfe wir etwas bevorzugen und entscheiden.
Der Mensch will, und Gott erschafft. Das Projekt oder der Plan eines Bauwerks hat keinerlei Wert oder Nutzen, solange dieses Bauwerk nicht ihm entsprechend gebaut wird. Zwar ist es das Bauwerk, was sichtbar wird und dem Menschen dient, nichtsdestotrotz liegen ihm bestimmte Pläne zu Grunde. Der freie Wille des Menschen ist gleichsam eine Art Plan, auf dessen Grundlage der Mensch entscheidet und handelt. Gott schließlich erschafft die Handlungen des Menschen. Etwas zu erschaffen und etwas zu tun sind zwei grundverschiedene Dinge. Gott erschafft, das bedeutet: Gott schenkt den Entscheidungen und Handlungen des Menschen eine reelle Existenz in der physischen Welt. Ohne diese Mithilfe Gottes, wäre der Mensch nicht im Stande, auch nur irgendetwas zu tun.
Auch die Rolle des freien Willens und der Handlungsfreiheit des Menschen sowie der Rechtleitung und der Schöpfung Gottes lässt sich anhand einer Analogie beschreiben:
Wenn wir einen riesigen Palast ausleuchten wollen, müssen wir ein Lichtsystem installieren. Doch auch nachdem wir dieses angebracht haben, geht kein Weg daran vorbei, den Lichtschalter zu betätigen. Denn sonst werden die Glühbirnen nicht brennen, und der Palast wird trotz des aufwändigen Lichtsystems dunkel bleiben.
Der Mensch ist gewissermaßen ein großartiger Palast Gottes, der durch den Glauben an Gott erstrahlt. Gott hat den Menschen mit dem notwendigen Lichtsystem ausgestattet. Er hat ihm einen Verstand, die Kraft zu denken und zu fühlen wie auch die Fähigkeit zu lernen, zu vergleichen und bestimmte Dinge anderen vorzuziehen, gegeben. Die Natur, die Ereignisse und die von Gott offenbarte Religion sind die Stromquellen, die die Macht besitzen, Gottes Palast - den Menschen - erstrahlen zu lassen. Doch damit es dazu kommt, muss der Mensch seinen freien Willen einsetzen und den Lichtschalter betätigen. Wenn er dies tut, bittet er Gott damit, ihn mit dem Glauben zu erleuchten. So wie ein Diener an die Tür seines Herrn klopft, sollte der Mensch den Herrn des Universums darum bitten, ihn zu erleuchten und zu einem ‚König' des Universums zu machen. Dann wird Gott Sich ihm gegenüber korrekt verhalten und ihn in den Rang eines Königs über die übrigen Sphären der Schöpfung erheben.
In Seiner Behandlung des Menschen berücksichtigt Gott den freien Willen des Menschen und nimmt diesen zum Anlass, die Taten des Menschen zu erschaffen. Der Mensch ist also nicht, wie manche vermuten, ein Opfer des Schicksals oder jemand, dem das Schicksal übel mitspielt. Egal wie unbedeutend der freie Wille auch erscheinen mag, und verglichen mit den schöpferischen Werken Gottes ist er in der Tat belanglos: Er ist für die Taten des Menschen verantwortlich. Gott erschafft riesige Körper aus den winzigsten Teilchen und greift auf äußerst anspruchslose Hilfsmittel zurück, um äußerst bedeutende Resultate hervorzubringen. Aus einem winzigen Samenkorn kreiert Er beispielsweise eine Pinie, und die Vorlieben und Entscheidungen des Menschen resultieren im Jenseits in ewiger Glückseligkeit oder in ewiger Bestrafung.
Um den Anteil des Menschen und der menschlichen Willenskraft an seinen Handlungen und Leistungen besser einschätzen zu können, brauchen wir uns nur die einmal Nahrung, die ihn am Leben erhält, näher anzuschauen. Ohne die Erde, das Wasser, die Luft und die Wärme der Sonne, die der Mensch nicht selbst herstellen kann, ist er nicht in der Lage, auch nur einen Bissen seiner Nahrung zu produzieren. Die ganze Menschheit schafft es ohne Unterstützung nicht, auch nur ein einziges Körnchen Getreide hervorzubringen. Außerdem ist es keineswegs die Menschheit selbst, die den einzelnen Menschen mit einem Verstand, anderen geistigen Fähigkeiten und der Macht, Getreide zu züchten, ausstattet. Es war nicht der Mensch selbst, der seinen Körper erschaffen und eine Beziehung zwischen diesem und seiner Nahrung geknüpft hat. Auch der Körper mit all seinen Gliedmaßen, Organen und Zellen steht nicht unter der Kontrolle oder Aufsicht des Menschen. Müsste der Mensch sein Herz jeden Morgen zu einer vorgegebenen Zeit wie einen Wecker ‚stellen', würde er wohl kaum lange überleben. Fast alle Bestandteile des Universums, das einem hoch entwickelten Organismus - so kompliziert und doch so harmonisch - gleicht, müssen auf erstaunlichste Art und Weise miteinander kooperieren, damit auch nur ein einziger Bissen an Nahrung produziert werden kann. Dieser eine Bissen ist daher fast genauso wertvoll wie das gesamte Universum. Der Mensch kann den Preis dieses Bissens jedenfalls nicht bezahlen, denn sein Beitrag zu seiner Produktion ist absolut unerheblich.
Sind wir überhaupt in der Lage, Gott auch nur für einen einzigen Bissen Nahrung gebührend zu danken? Wäre die ganze Menschheit wirklich dazu fähig, eine Weintraube aus eigener Kraft hervorzubringen, selbst wenn alle Menschen gemeinsam an diesem Projekt mitarbeiten würden? Gott versorgt uns mit all Seinen Gunstbeweisen, ohne viel dafür zu verlangen. Hätte er uns z.B. dazu verpflichtet, für ein Scheffel Weizen 1000 Niederwerfungen (Rak'at, sing.: Rak'a) zu leisten, hätten wir uns dieser Anordnung mit Sicherheit fügen müssen, um nicht zu verhungern. Hätte Gott für jeden Regentropfen eine Niederwerfung verlangt, wären wir tagein tagaus wohl mit nichts anderem als mit Beten beschäftigt. Stellen wir uns doch einmal vor, einen Tag in sengender Hitze in der Wüste zu verbringen - Würden wir nicht buchstäblich alles tun, nur um ein Glas Wasser zu bekommen?
Wie aber soll es uns erst gelingen, Gott für unsere Gliedmaßen angemessen zu danken? Erst wenn wir uns die kranken und verkrüppelten Menschen in den Krankenhäusern anschauen oder selbst krank sind, wird uns bewusst, wie wertvoll unsere Gesundheit ist. Ist es nicht sogar ganz und gar unmöglich, Gott angemessen für unsere Gesundheit zu danken? Die Anbetung, die Gott uns auferlegt, ist in Wirklichkeit nur zu unserem Besten. Sie dient unserer spirituellen Weiterentwicklung und fördert unser Privatleben genauso wie das Leben in der Gesellschaft. Wenn wir an Gott glauben und Ihn anbeten, wird Er uns im Paradies mit uneingeschränkter Glückseligkeit und unendlich vielen Gunstbeweisen belohnen.
Wir sehen also, dass uns fast alles, was wir besitzen, ohne Gegenleistung geschenkt wurde. Unser Anteil an den Gunstbeweisen, die wir in der Welt genießen dürfen, ist unbedeutend. Auch unsere Willenskraft ist, verglichen mit den Wirkungen, die Gott als Folge unserer Inanspruchnahme dieses Willens erschafft, relativ schwach. Doch wie schwach unser Wille auch sein mag und wie schwer dessen wahre Natur auch zu verstehen ist - Gott erschafft unsere Handlungen gemäß der Wahl und den Entscheidungen, die wir durch unsere Willenskraft treffen.