Der Bezug von Göttlicher Fügung und Vorherbestimmung zu Registrierung und Vervielfältigung

M. Fethullah Gülen.

Alles, was im Wissen Gottes in individueller Form als Plan oder als Projekt existiert, ist in einem Verzeichnis, das der Koran ‚wohl verwahrte Tafel' (85:21) oder ‚manifestes Protokoll' (36:12) nennt, verzeichnet. Der Koran betont ausdrücklich, dass uns nur das widerfährt, was Gott für uns verfügt hat, bzw. was Er für uns vorherbestimmt hat. (9:51) Er weist darauf hin, dass alles Getier auf Erden und alle Vögel, die auf ihren zwei Schwingen dahinfliegen, in Gemeinschaften leben und dass dem Protokoll Gottes nichts entgeht. (6:38)

‚Manifestes Protokoll' oder ‚wohl verwahrte Tafel' sind ‚Titel', die das Verhältnis vom Wissen Gottes zur Schöpfung bezeichnen. Wir könnten diese Tafel bzw. das Protokoll auch als Ursprungsverzeichnis bezeichnen. Im ‚Prozess' der Schöpfung wird dieses Verzeichnis vervielfältigt. Seine erste und umfassendste Kopie, die die gesamte Schöpfung enthält, wird im Koran die ‚Tafel der Auslöschung und der Bestätigung' oder ‚manifestes Buch' genannt. Während sich die wohl verwahrte Tafel bzw. das manifeste Protokoll auf die Originale der Geschöpfe im Wissen Gottes und auf die Prinzipien und Gesetze der Schöpfung bezieht, entsprechen das manifeste Buch bzw. die Tafel der Auslöschung und der Bestätigung dem täglichen Leben, sozusagen einer Seite im Fluss der Zeit. Die Allmacht Gottes transferiert Dinge von der wohl verwahrten Tafel zur Tafel der Auslöschung und der Bestätigung. Die Allmacht Gottes arrangiert mit anderen Worten Dinge auf der Seite der Zeit oder reiht sie auf der Schnur der Zeit auf. Auf der wohl verwahrten Tafel verändert sich nie etwas; dort ist alles starr. Im Prozess der Schöpfung aber löscht Gott aus, was Er will, genauso wie Er bestätigt und durchsetzt, was Er will. (Vgl. 13:39)

Die zweite Art von Vervielfältigung sieht folgendermaßen aus:

Nach der Geburt wird jeder Mensch in einem Geburtenverzeichnis registriert. Den Informationen dieses Verzeichnisses gemäß erhalten die Menschen daraufhin ihre Ausweispapiere. Ähnlich werden alle Menschen mit all ihren Charaktermerkmalen, Eigenschaften und ihren bis ins kleinste Detail aufgelisteten zukünftigen Lebensgeschichten auf der wohl verwahrten Tafel verzeichnet. Dieses Ursprungsverzeichnis aller Menschen wird von Engeln kopiert und derjenige Teil, der dem Leben des Körpers zuzuordnen ist, wird in Form von Informationen oder Gesetzen in die Zellen geschrieben. Damit diese Informationen aber von Nutzen sind und der Körper seiner Aufgabe nachgehen und lebendig werden kann, muss ihm zunächst der Geist eingehaucht werden. Den anderen Teil der Kopie des Ursprungsverzeichnisses, denjenigen Teil also, der sich auf die Existenz des Menschen als ein bewusstes intelligentes Wesen bezieht, trägt der Mensch als ein unsichtbares Buch an den Nacken geheftet (17:13) mit sich herum. Während seines ganzen Lebens tut der Mensch nichts anderes als das, was in dem Buch steht. Das heißt jedoch nicht, dass die Vorherbestimmung der Lebensgeschichte eines Menschen den Menschen dazu zwingt, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Die Vorherbestimmung ist eine Art Wissen, das vielleicht folgendermaßen beschrieben werden kann: Ein Mensch wird an einen bestimmten Ort geschickt, damit er dort bestimmte Arbeiten verrichtet. Bereits im Vorfeld wurde ermittelt, was dieser Mensch wohl auf seiner Reise benötigen würde. Außerdem wurde er hinreichend instruiert. Da schon vor Antritt der Reise klar war, wie sich der Mensch unterwegs verhalten würde, wurden alle Details vorab auf einem Notizblock festgehalten, der in einer geheimen Tasche in der Jacke des Menschen verstaut wurde. Der Mensch bricht auf, weiß aber nichts von dem Notizblock in seiner Tasche und verhält sich so, wie er es für richtig hält. Es entgeht ihm auch, dass zwei verlässliche Menschen ihm auf Schritt und Tritt folgen, all seine Handlungen aufzeichnen und alles, was er tut und sagt, mit einer Videokamera aufzeichnen. Nach der Rückkehr des Menschen werden nun die Videoaufnahmen mit den Aufzeichnungen auf dem Notizblock verglichen, und es zeigt sich, dass es keine Abweichungen von den Vorhersagen gibt. Der Mensch wird dafür zur Verantwortung gezogen, ob er seinen Job den Instruktionen entsprechend erledigt hat. Er wird belohnt oder bestraft, gegebenenfalls wird ihm auch verziehen.

Ganz so wie in diesem Beispiel hat Gott, der alles im Voraus weiß und außerhalb von Raum und Zeit steht, die Lebensgeschichten aller Menschen, die jemals die Erde bevölkerten und noch bevölkern werden, in bestimmte Verzeichnisse eingetragen. Engel kopieren diese Verzeichnisse und heften jedem einzelnen Menschen sein eigenes Buch, das wir Vorherbestimmung oder Schicksal nennen, an den Nacken. Gottes vorherige Kenntnis und Aufzeichnung all dessen, was der Mensch in seinem Leben einmal tun wird, verpflichten den Menschen nicht zu einem bestimmten Handeln. Seine Handlungen sind vielmehr vom freien Willen geprägt; und aus seinem freien Willen heraus tut er das, was er für richtig hält. Sein Leben wird von zwei Engeln, die wir Kiramun Katibin (erhabene Schreiber) nennen, schriftlich festgehalten. Am Jüngsten Tage werden die Aufzeichnungen der Engel den Menschen ausgehändigt, die sich daraufhin mit dem Lesen dieser Bücher befassen sollen:

Und einem jeden Menschen haben Wir seine Taten an den Nacken geheftet; und am Tage der Auferstehung werden Wir ihm ein Buch herausbringen, das ihm geöffnet vorgelegt wird. „Lies dein Buch. Heute genügt deine eigne Seele, um die Abrechnung gegen dich vorzunehmen." (17:13-14)

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