Warum hat Gott das Universum nicht zu einem früheren Zeitpunkt erschaffen?

M. Fethullah Gülen.

Von welchem Zeitpunkt oder Zeitraum ist überhaupt die Rede, wenn wir von ,früher' sprechen? Wenn dieses Wort irgendein Datum innerhalb der Ewigkeit vor der Erschaffung der Zeit bezeichnen soll, ergibt dies keinen Sinn. In Relation zur Ewigkeit haben selbst Zeitspannen von 100 oder 1.000 Milliarden Jahren keine Bedeutung. Im Zeitrahmen der Ewigkeit ist Zeit überhaupt nicht vorstellbar. Nur Gott ist ewig. Sein Wesen und Seine Existenz sind ewig. Mit Ausnahme Gottes kann keine Sache und kein Lebewesen für sich in Anspruch nehmen, ewig zu sein. Wenn sich das Wort ,früher' aber auf die Ewigkeit selbst bezieht, dann ist zu berücksichtigen, dass diese keinen Beschränkungen der Zeit unterworfen ist. Diese Uneingeschränktheit schließlich ist einzig und allein ein notwendiges Privileg der Existenz, Namen und Attribute Gottes. Das heißt, Gott gehört ausschließlich Sich Selbst, und nur Er selbst kann für Sich beanspruchen, ewig zu sein.

Innerhalb des alles umfassenden und verstehenden Wissens Gottes besitzt alles, was erschaffen wurde, eine absolute Realität als ilm (Wissen). Im tasawwuf (Sufismus) werden diese erschaffenen Dinge und Lebewesen als Archetypen bezeichnet, die wir uns als innere Kräfte, Pläne oder Projekte vorstellen können. Ihnen Ewigkeit zuzuschreiben wäre falsch. Eigentlich ist es schon fast beleidigend, wenn wir uns in diese Dinge überhaupt einmischen. Wenn wir mit unseren begrenzten Maßstäben eine Aussage über Lebewesen oder Seelen, die in der Schöpfung vorkommen, treffen wollen und uns Fragen widmen, die Teilbereiche des Übersinnlichen und Unsichtbaren (ghaib) betreffen, so spricht dies gewissermaßen für unsere Unfähigkeit einzugestehen, dass wir anmaßend sind, weil wir nicht erkennen oder erkennen wollen, dass unser Verstand Grenzen aufweist.

Verglichen mit Gottes Thron des Wissens ist das ganze Universum so winzig wie ein Ring, der in eine Wüste geworfen wurde. Verglichen mit Seinem Thron der Macht wiederum ist aber auch dieser Thron des Wissens so winzig wie ein Ring, der in eine Wüste geworfen wurde. Wie sollte es also einem Menschen gelingen, den Besitzer dieses Thrones der Macht zu kennen und zu versuchen, etwas über Sein Wesen und Seine Essenz zu sagen!

Viele Dinge dienen Seinem Wesen und Seinen Taten als Spiegel. Doch Gott kannte Sich Selbst schon vor der Existenz dieser Dinge, bevor Er das Universum erschaffen hat. Er kennt Sich Selbst, Seine Namen und Seine Taten, ohne dabei irgendein Bedürfnis nach irgendetwas zu verspüren. Er stößt in jeder Sphäre auf Sein Wesen und auf Seine Taten: In der Sphäre Seiner Namen ebenso wie in der physischen Schöpfung, in den winzigsten Teilchen eines Atoms ebenso wie in den gewaltigsten und komplexesten Einheiten dieser Sphären. Er kennt Sich Selbst und macht Sich Seinen bewussten Dienern durch die Manifestationen Seiner Namen bekannt.

Auf Grund Seines ewigen Wissens (ilm) erkennt Er Sich in allen Sphären auf andere Art und Weise wieder. Doch nichts, was eine Verbindung zu Ihm hat, ändert sich jemals, denn unter Seinen Attributen befinden sich auch solche, die als negative Attribute bezeichnet werden: Beispielsweise isst und trinkt Er nie. Zeit schränkt Ihn nicht ein. Er verändert Sich nie und ist aller Dinge ledig.

Innerhalb der Grenzen unserer Zeit sehen und erkennen wir, was Er anordnet und für uns in die Wege leitet. Aber wir wissen weder, was in weiter Vergangenheit passiert ist, noch, was die Zukunft bringen wird. Auch wissen wir zum Beispiel nichts über die Existenz der Lebewesen im Wissen Gottes oder über die ursprünglichen verborgenen Realitäten und die Sphären des Geistes. Selbst unter Berücksichtigung unseres ganzen wissenschaftlichen Fortschritts haben wir bis heute keine Vorstellung davon - und können diese auch gar nicht haben -, wie tief und weit das Universum oder seine physikalischen Erscheinungen wie die Spiralnebel sind, was sie bedeuten, welche Bedeutung sie für die Weltordnung haben und welches Licht sie auf die dunklen Punkte der gesamten Schöpfung werfen. Genauso wenig wie wir über solche Dinge wissen, kennen wir auch das Jenseits. Angesichts so unermesslich großer Geheimnisse können wir nur sagen: „O Ma'ruf! (gütiger Herr!) Weder Dich noch Deine Werke haben wir vollständig entschlüsseln können. Verzeihe uns!“

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