
Rizq – Lebensunterhalt 1-3
Abū Hāzim sagte: „Ich fand die ganze Welt in zwei Dingen: Das erste ist meine Versorgung [rizq], und das zweite ist die Versorgung anderer. Meine Versorgung wird mich erreichen, selbst wenn ich auf dem Winde reiten würde, um vor ihr davonzufliegen. Wenn ich jedoch versuchte, die Versorgung eines anderen zu erlangen, wäre ich niemals dazu in der Lage, selbst wenn ich auf dem Winde reiten würde, um ihr nachzujagen.“
Die Furcht vor Hunger, Armut oder davor, kein Einkommen oder keinen Lebensunterhalt finden zu können, gehört zu jenen Ängsten, die schwer auf dem Bewusstsein des Menschen lasten und ihn sehr bedrücken können. Dabei ist der Lebensunterhalt [rizq] einer der zentralen Punkte im „Programm des Schicksals“. Dieses „Programm“ beginnt in den frühen Stadien der Menschwerdung im Mutterleib und reicht bis zum Zeitpunkt unseres Todes, gemäß dem uns vorherbestimmten Geschick. Der Augenblick des Todes ist dabei gewissermaßen der Moment, in dem das Erlangen unseres Lebensunterhaltes sein Ende findet.
Die Versorgung aller Geschöpfe ist vorherbestimmt; weder vermehrt sie sich noch vermindert sie sich gegenüber dem, was festgelegt ist. Die Benutzung mittelbarer Ursachen zum Erwerb von Unterhalt [tawassul bi l-asbāb] führt nur dann zu Ergebnissen, wenn dies von Allāh vorherbestimmt ist. Dies wird im folgenden Qur’ānvers deutlich:
{Es gibt kein Lebewesen auf Erden, dessen Versorgung nicht Allāh obläge. Und Er kennt seinen Aufenthaltsort und seine Heimstatt – alles ist verzeichnet in einer eindeutigen Niederschrift.} (11:6)
Allāh gewährt einem jeden einzelnen Geschöpf seinen Anteil an Versorgung. Aus diesem Grunde hören die Gottesfreunde Äußerungen der Dankbarkeit für die Gnadengaben Allāhs selbst im Gesang der Nachtigallen in den Rosenbüschen. Der folgende Qur’ānvers verdeutlicht, dass Allāh, der Allmächtige, auch die Versorgung jener gewährt, die krank, behindert oder aus anderen Gründen unfähig sind, ihren Lebensunterhalt zu erwerben:
{Und wie viele Lebewesen gibt es, die nicht ihren eigenen Unterhalt herbeitragen. Allāh beschert ihnen und euch den Unterhalt – und Er ist der All-Hörende, der Allwissende.} (29:60)
Dabei ist es wichtig, sich die vielfältigen Formen der unterschiedlichen Verteilung von Unterhalt in dieser Welt vor Augen zu führen. Erst durch diese Vielfalt entstehen Ordnung und Harmonie in der Gesellschaft, und diese ist es, die Spaltungen und Konflikte verhindert. Der Qur’ān legt dar, dass alle weltlichen Besitztümer letztendlich Allāh gehören, und dass Er es ist, der sie entsprechend Seinem göttlichen Wissen gemäß dem, was wir vorherbestimmtes Geschick [qada’ und qadar] nennen, verteilt. Die Gläubigen sollten sich bewusst sein, dass Unterschiedlichkeit in der Verteilung der Versorgung zu ihrem Vorteil ist. Wäre die Ordnung der Lebensumstände den schwachen Fähigkeiten und Launen der Menschen mit ihrer von Begierden, Ambitionen und persönlichen Beschränkungen getrübten Wahrnehmung überlassen, würde das Universum in Anarchie versinken. Deshalb verkündet Allāh, der Erhabene:
{Sind sie es etwa, welche die Gnade deines Herrn verteilen? Wir verteilen unter ihnen ihren Lebensunterhalt im diesseitigen Leben. Und Wir erhöhten die einen von ihnen über die anderen im Rang, auf dass die einen die anderen in den Dienst nehmen – und die Gnade deines Herr ist besser als das, was sie anhäufen.} (43:32)
Die Verteilung der Versorgung unter den Geschöpfen in diesem Universum ist eines der Zeichen der absoluten Macht und Souveränität Allāhs. Zu jeder Tageszeit sind die Esstische der Geschöpfe, die durch die Lüfte fliegen, sich auf der Erde bewegen oder im Meer schwimmen reichlich gedeckt. Darüber hinaus kann sich keineswegs jedes Geschöpf von der Nahrung eines anderen ernähren. Das bedeutet: Die Nahrung jedes Lebewesens ist seiner Umgebung und seinen speziellen Bedürfnissen angepasst. Diese Vielfalt der unterschiedlichsten Arten von Unterhalt – so zahllos wie die Anzahl der Geschöpfe im Universum, die jedes einzelne auf seine, ihm eigene, Art und Weise mit Nahrung versorgt werden – ist für jene, die Verstand besitzen, die höchste Manifestation von Weisheit, Macht und Souveränität. In einem Qur’ānvers verkündet Allāh, der Erhabene:
{Aber wissen sie denn nicht, dass Allāh den Lebensunterhalt erweitert oder beschränkt, wem Er will? Wahrlich, darin sind Zeichen für Leute, die glauben.} (39:52)
Und der Gesandte Allāhs – Segen und Friede seien auf ihm – sagte dazu:
„Wann immer einer von euch jemanden sieht, der über ihm steht, soll er auch auf jemanden schauen, der unter ihm steht! Dies ist notwendig, damit ihr nicht auf die Gnadengaben Allāhs herabseht.“[1]
Glück und Freude in unserem Leben hängen entscheidend von dem Glauben daran ab, dass der Anteil an Versorgung, der uns gegeben wurde, das Beste für uns ist. Es gibt so viele Dinge, die auf den ersten Blick als Unglück wahrgenommen werden, deren Ergebnis in Wirklichkeit jedoch ein Segen sind – wie die Bedürftigkeit, die den Weg ins Paradies ebnet. Und ebenso gibt es viele Dinge, die als Glücksfall erscheinen und sich in der Folge als enttäuschende Fehlschläge erweisen – wie Reichtum, der anstatt für wohltätige Zwecke eingesetzt zu werden, zur Befriedigung billiger egoistischer Wünsche verschwendet wird. Allāh, der Erhabene, sagt dazu:
{Esst von den guten Dingen, mit denen Wir euch versorgt haben, doch überschreitet nicht das Maß, damit nicht Mein Zorn auf euch niederfährt! Und auf wen Mein Zorn niederfährt, der stürzt ins Verderben.} (20:81)
Angesichts dieser Wahrheiten wird deutlich, dass im Akzeptieren der göttlichen Verteilung des Lebensunterhaltes ein Weg zur Glückseligkeit in dieser Welt und im Jenseits liegt. Da unser Schöpfer die Versorgung des Menschen bereits zugeteilt hat, noch bevor dieser erschaffen wurde, sollte er sich ganz mit Seinem göttlichen Willen abfinden und den Lebensunterhalt genießen, der ihm vorherbestimmt wurde, um so die Süße des Glaubens an die göttliche Bestimmung zu erfahren. In einem Hadīth qudsī heißt es:
„Allāh, der Allmächtige, befahl Seinen Engeln, die für die Aufteilung der Versorgung zuständig sind: ‚Wenn ihr einen Meiner Diener findet, der sein gesamtes Streben auf das Jenseits ausgerichtet hat, dann gewährt ihm alle Gunst der Himmel und der Erde! Und wenn ihr einen Meiner Diener findet, der auf rechte Weise nach seiner Versorgung strebt, so geht mit ihm in bester Weise um und macht ihm seinen Weg leicht!‘“[2]
Dieses Hadīth belegt eindeutig, dass dem Diener, der sein Begehren und seine Absichten einzig und allein auf Allāh ausrichtet, nur Ihm gehorcht, Ihm nur um Seinetwillen dient und so zu einem aufrichtigen und ergebenen Gläubigen wird, alle Segnungen des Himmels und der Erde garantiert werden. Für solche Diener erschafft Allāh, der Allmächtige, in großzügiger Weise Ursachen, durch die ihnen ihre Versorgung zukommt. Dies kommt auch in dem folgenden Vers zum Ausdruck:
{Und wer Allāh fürchtet, dem schafft Er einen Ausweg; und Er beschert ihm Unterhalt, von wo er es nicht erwartet.} (65:2-3)
Und unser ehrwürdiger Prophet – Segen und Friede Allāhs seien auf ihm – sagte dazu: „Wenn ihr vollkommen auf Allāh vertraut, gewährt Er euch eure Versorgung in derselben Weise, wie Er für die Vögel sorgt: Sie fliegen morgens mit leerem Magen los und kommen abends satt zurück.“[3]
Arten wie Ameisen, die im Sommer Nahrungsvorräte für den Winter sammeln, sind eher eine seltene Ausnahme. Es ist bekannt, dass andere Tierarten – auch ohne wie die Ameisen Wintervorräte anzulegen – die härtesten klimatischen Bedingungen heil überstehen und gesund den Frühling erreichen. Wie könnte es in dieser perfekten göttlichen Ordnung, die Seiner absoluten Souveränität untersteht, auch sein, dass der Schöpfer vergäße, Seine Geschöpfe zu versorgen?
Jedoch Faulheit, Geiz, Neid, das absichtliche Vermeiden von Geburten aus finanziellen Erwägungen und dergleichen mehr, sind falsche und abzulehnende Verhaltensweisen im Umgang mit der Frage unserer Versorgung in dieser Welt!
Wie schon erwähnt, lehrt der Islam, dass der Anteil eines Jeden an der Versorgung vorherbestimmt ist und sich zu keiner Zeit vermehrt oder vermindert. Allāh, der alles in der Existenz erschaffen hat, hat jedem einzelnen Geschöpf seine Lebensspanne gewährt und ihm den für diese Zeit ausreichenden Lebensunterhalt bestimmt.
Die Lebensspanne eines Menschen, sowie jeder Atemzug und jeder Bissen, den er zu sich nimmt, sind auf der „Tafel der Bestimmung“ festgelegt und schon seit der Erschaffung Ādams – auf ihm sei der Friede Allāhs – als dessen Nachkommenschaft [dhurriyya] kodiert. Doch das Arbeiten zum Erwerb des notwendigen, ihnen zugeteilten Lebensunterhaltes ist ebenfalls ein Gebot für die Gläubigen. Deshalb zählt es zu unseren Pflichten, diesem göttlichen Befehl zu gehorchen und unseren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen. Mit anderen Worten gesagt, ist die Zuteilung der vorbestimmten Versorgung an die Vorbedingung der Arbeit gebunden. Ein bekanntes türkisches Sprichwort besagt: „Unterlasse nicht, was nötig ist, und beschuldige nicht fälschlicherweise die Bestimmung!“ Allāh, der Allmächtige, hat uns in Seiner göttlichen Weisheit mit Fähigkeiten wie Willenskraft, Unternehmungsgeist, Verantwortungsgefühl, Gottvertrauen und Einsicht ausgestattet. Diese mutwillig zu ignorieren stellt in der Tat eine Form von Rebellion gegen unseren Herrn dar.
Uns vor Gefahr zu schützen, indem wir beispielsweise bei Krankheit einen Arzt aufsuchen und Medizin einnehmen, oder vor einer Feuersbrunst oder einem Erdbeben fliehen, entspricht unserer natürlichen Veranlagung. Der göttliche Befehl, uns anzustrengen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, zielt ebenfalls darauf ab, uns vor Gefahren zu bewahren und ist keineswegs unvereinbar mit dem Glauben an die göttliche Bestimmung. Wäre dies der Fall, wäre es sinnlos, von den Gottesdienern zu verlangen, sie sollten sich um ihren Unterhalt bemühen! Die von Ihm erschaffenen Regeln der Kausalität zu leugnen, ist jedoch eine Form von Auflehnung gegen Allāh und stellt eine große Sünde dar. Im Edlen Qur’ān heißt es:
{Und dem Menschen wird nichts zuteil, außer dem, wonach er strebt.} (53:39)
Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte:
„Es ist besser für einen Mann, sein Seil zu nehmen und in den Wald zu gehen, um Feuerholz zu sammeln, als die Leute um Almosen zu bitten; unabhängig davon, ob sie ihm geben, was er braucht, oder nicht.“[4]
In einem Bericht des Ibn al-Firāsī heißt es, dass sein Vater einmal den Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – fragte: „O Gesandter Allāhs, soll ich die Leute um das bitten, was ich brauche?“ Da antwortete der Prophet: „Du sollst niemanden bitten! Wenn du jedoch dazu gezwungen bist, dann bitte die Rechtschaffenen.“[5]
Zusätzlich zu dem, was wir bereits erwähnt haben, hat Allāh, der Allmächtige, Seinen Geschöpfe bestimmt, dass einer für den anderen Mittler zum Erhalt des Lebensunterhalts sei. Sich um Arme und Bedürftige zu kümmern, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen und ihnen einen Teil dessen zu geben, was Allāh uns von Seinen Gaben gewährt hat, ist deshalb eine große Tugend. Es wird überliefert, der Erzengel Jibrīl – auf ihm sei Friede – habe gesagt:
„Wenn ich zu den Bewohnern dieser Welt zählte, wären mir drei Dinge am liebsten: Jene zu führen, die ihren Weg verloren haben; jene zu lieben, die in Armut Gottesdienst verrichten; und bedürftigen Menschen zu helfen, die sich um viele Kinder kümmern müssen.“
[1] Überliefert von al-Bukhārī und Muslim in ihren Sahīhs und von al-Tirmidhī in seinem Sunan. Mit dem, „der über ihm steht“, ist hier gemeint: „Der, dem mehr Versorgung gewährt wurde“, oder auch „der einen höheren Rang inne hat“.
[2] Überliefert in al-Hakīm al-Tirmidhīs Nawādir al-Usūl.
[3] Überliefert von al-Tirmidhī und Ibn Mājah in ihren Sunan.
[4] Überliefert in Sahīh al-Bukhārī.
[5] Überliefert von al-Nasā’ī, Abū Dāwūd und Ibn Mājah in ihren Sunan.


